FILMS

 

Erstausstrahlung:  16. Januar 2017, 22.00 Uhr im NDR

Dokumentation, 45 Minuten


Ein Film von Alexander Czogalla


Kamera: Robert Engelke, Aksel Dogan

Ton: Frank Gautier, Jochen Mehrling

Schnitt: Michael Scheffold

Redaktion NDR: Barbara Denz

SUCHT AUF REZEPT

Dokumentation für die NDR-Reihe 45 MIN


Die Deutschen dopen sich durch den Alltag. Laut einer aktuellen DAK-Studie nehmen mindestens drei Millionen Beschäftige leistungssteigernde oder stimmungsaufhellende Medikamente. Häufig sind es Medikamenten-Cocktails. Die Dunkelziffer liegt weitaus höher. Hinzu kommen mehrere Millionen Schlaftablettenabhängige, vor allem Frauen. Auslöser für den Medikamentenmissbrauch: hoher Leistungsdruck, Stress, Ängste oder Vereinsamung. Die Krankenkassen sprechen von einer Verschreibungswut der Ärzte. Der neuste Trend der „Pillenschleudern“: Privatrezepte. 60 % der Medikamente gehen somit an der Statistik der Krankenversicherungen vorbei. Dass die Medikamente hohe gesundheitliche Risiken, körperliche Nebenwirkungen bis hin zur Persönlichkeitsveränderung und Abhängigkeit verursachen, wird dabei auf beiden Seiten billigend in Kauf genommen. Gewinner ist die Pharmaindustrie - mit Milliardenumsätzen. Großzügig konnte die Arzneimittelindustrie allein im letzten Jahr 575 Millionen Euro an Apotheker und Ärzte auszahlen. Wofür eigentlich? Der Film geht dieser Frage nach und beschreibt, wieso so viele Menschen auf die „legalen“ Drogen zurückgreifen müssen.

Wolfgang N. (45) war fast 10 Jahre lang tablettenabhängig. Auf Antidepressiva und Stimmungsaufheller folgten Schlafmittel in immer höheren Dosen. N. lebte in einer Art Wachkoma. Dann kam der Zusammenbruch – Wahnvorstellungen  und Organversagen. Ein achtwöchiger kalter Entzug wie bei einem Heroinsüchtigen rettete ihm vor knapp einem Jahr das Leben.

Anna V. (25) studiert in Hamburg Jura. Sie will Richterin werden. Um das Leistungspensum schaffen zu können, „schmeißt“ sie, wie viele ihrer Mitstudenten, amphitaminartige Arzneimittel wie Ritalin oder Modafinil ein. 10 bis 12 Stunden kann sie dann ununterbrochen lernen. Die unter das Betäubungsmittelgesetz fallenden Tabletten sind bei Studenten deshalb längst kein Geheimnis mehr.

Renate K. (76) konnte schlecht schlafen. Auf Empfehlung ihres Hausarztes probierte sie es mit Schlaftabletten. Doch nach einigen Wochen tauchten die Probleme wieder auf. Sie setzte die Tabletten ab. Ein fataler Entschluss. Denn schon nach vier bis sechs Wochen machen Schlaftabletten abhängig und müssen „ausgeschlichen“ werden. Renates spontaner Entzug sorgte bei Ihr für Wahnvorstellungen, Gedächtnisverlust und Kreislaufproblemen.


Prof. Klaus Lieb (50), Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Mainz, verdiente früher jedes Jahr 10.000 Euro und mehr durch Nebeneinkünfte von der Pharmaindustrie. Irgendwann erkannte Lieb in welche Abhängigkeit er sich gebracht hat - heute haben Pharma-Vertreter in seiner Klinik Hausverbot. Im Gegensatz zu Lieb gibt es Ärzte, die - von der Pharmaindustrie finanziert - auf der ersten deutschen Schlafmesse in Berlin „Sleep for fit“ die Werbetrommel für Schlaftabletten schlagen und gleichzeitig das amphitaminhaltige Mittel Modafinil als bessere Alternative zu Kaffee verkaufen.